Militärisches Ehrengeleit über Berlin, Staatsbankett, 40 Milliarden Euro an angekündigten zusätzlichen Investitionen, 30 Unternehmensvereinbarungen und die ersehnte tägliche Emirates-Verbindung BER–Dubai: Der erste Staatsbesuch eines Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland war weit mehr als große Diplomatie. Er legte einen konkreten Bauplan für Investitionen, Technologie, Energie, Mobilität und eine deutlich engere Verbindung zwischen beiden Ländern vor.
Schon die Ankunft machte klar: Das hier war kein gewöhnlicher Termin. Als das Flugzeug von S.H. Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan am 9. September 2026 in den deutschen Luftraum einflog, wurde es von deutschen Militärjets eskortiert. Am Boden folgten 21 Salutschüsse und eine Ehrenformation. Berlin erlebte Staatsprotokoll in voller Größe – und in den darauffolgenden zwei Tagen eine politische und wirtschaftliche Offensive, deren Zahlen selbst für Staatsbesuche außergewöhnlich sind.
Vom Empfang durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Villa Borsig über die Eintragung in das Goldene Buch im Roten Rathaus und das Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz bis zum Germany–UAE Business Forum in München: Der Besuch vom 9. bis 11. September war der erste Staatsbesuch eines Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland. Er wurde zu einem sichtbaren Zeichen dafür, wie eng Abu Dhabi, Dubai und Deutschland künftig zusammenarbeiten wollen.
Die VAE kündigten ein zusätzliches, langfristig angelegtes Investitionspaket von 40 Milliarden Euro für Deutschland an. Wichtig ist die präzise Einordnung: Es handelt sich nicht um ein Geschenk und auch nicht um 40 Milliarden Euro, die über Nacht überwiesen werden. Es ist eine Investitionsabsicht für konkrete Zukunftsprojekte – zusätzlich zu dem bereits bestehenden Engagement der Emirate in Deutschland von rund 34 Milliarden Euro.
Das neue Kapital soll in Industrie, fortschrittliche Technologien, künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur und Energie fließen. Allein 10 Milliarden Euro sind für Investitionen in Bayern vorgesehen. Ein besonders großer Baustein sind neue hochmoderne Rechenzentren mit einer geplanten Kapazität von rund einem Gigawatt. Damit geht es nicht nur um Kapital, sondern um industrielle Wettbewerbsfähigkeit, qualifizierte Arbeitsplätze und die Infrastruktur für die nächste digitale Wachstumsphase.
40 Milliarden Euro sind keine Randnotiz. Sie sind ein Vertrauensvotum für Deutschlands Technologie, Industrie und Know-how – und zugleich ein Startsignal für eine neue Generation deutsch-emiratischer Projekte.
Die gemeinsame Erklärung vom 10. September verzeichnete zunächst 29 Vereinbarungen und Absichtserklärungen zwischen Unternehmen beider Länder mit einem Gesamtwert von mehr als 9,356 Milliarden Euro. Beim Business Forum in München wurde am folgenden Tag bereits von 30 Vereinbarungen und kommerziellen Partnerschaften über rund 9,66 Milliarden Euro berichtet. Die unterschiedlichen Zahlen sind somit kein Widerspruch, sondern zwei Momentaufnahmen eines noch laufenden Besuchs.
Die Bandbreite ist beeindruckend: erneuerbare Energien und saubere Infrastruktur, Öl und Gas, KI und Spitzentechnologie, Industrie und Fertigung, Logistik, Häfen und Luftfahrt, Gesundheitswirtschaft und Life Sciences, Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Konsumgüter.
Allein die während des Besuchs bekannt gegebenen Partnerschaften von ADNOC, XRG und Masdar könnten nach Unternehmensangaben mehr als fünf Milliarden Euro an Investitionen in Deutschlands Energie- und Industriesektoren ermöglichen.
Für viele Menschen in Berlin, Brandenburg und Ostdeutschland ist dies die emotional greifbarste Nachricht des Besuchs: Deutschland hat den Flugplan um einen fünften Anflugpunkt für eine nationale Fluggesellschaft der VAE erweitert. Damit darf Emirates künftig täglich eine Langstreckenverbindung zwischen Berlin Brandenburg und Dubai anbieten.
Bislang bedient Emirates in Deutschland Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg. Berlin wird der fünfte Standort, während die Zahl der Frequenzen an den bisherigen vier Flughäfen für diese Airline auf dem aktuellen Stand gedeckelt bleibt. Ein konkretes Startdatum für die neue BER–DXB-Verbindung war bei Redaktionsschluss noch nicht öffentlich bestätigt. Die Verkehrsrechte aber sind da – nach jahrelangem Ringen.
Die Bedeutung reicht weit über Urlaub und private Reisen hinaus. Dubai ist eines der leistungsfähigsten internationalen Drehkreuze der Welt. Eine tägliche Verbindung öffnet Berlin und Ostdeutschland direkter zu Märkten in Asien, Afrika und Ozeanien, verbessert die Luftfrachtmöglichkeiten und verkürzt Wege für Investoren, Unternehmen, Wissenschaft und Tourismus.
Hinter den großen Zahlen steht eine neue institutionelle Architektur. Ein Deutsch-Emiratischer Investitionsrat soll Kapital, Unternehmen und staatliche Stellen zusammenbringen, Investitionshemmnisse beseitigen und Projekte schneller in die Umsetzung bringen. Ein neuer Strategischer Dialog soll die seit 2004 bestehende strategische Partnerschaft neu beleben und die Arbeit in Außen- und Sicherheitspolitik, Verteidigung, Handel, Energie, Klima, Technologie, Verkehr, Umwelt, Kultur und Bildung koordinieren.
Hinzu kommen Vereinbarungen über Rechenzentren, sicheres Datenhosting und sogenannte Data Embassies, EasyPASS für VAE-Staatsbürger an deutschen Flughäfen, Rechtshilfe in Strafsachen, die Bekämpfung von Kriminalität sowie Kooperationen in Kultur, Umwelt, Sicherheit und Verteidigung. Die Bundesregierung zählt elf zwischenstaatliche Vereinbarungen; die emiratische Mitteilung führt zwölf Dokumente auf. Inhaltlich beschreiben beide Seiten dasselbe außergewöhnlich breite Paket.
Die VAE sind Deutschlands wichtigster Handelspartner am Golf. Der bilaterale Handel ohne Öl erreichte 2025 rund 15,5 Milliarden US-Dollar und wuchs gegenüber dem Vorjahr um mehr als 14 Prozent. Deutschland bringt industrielle Tiefe, Forschung, Maschinenbau und Technologie. Die Emirate bringen langfristiges Kapital, hohe Umsetzungsgeschwindigkeit, Energiekompetenz und den Zugang zu Wachstumsmärkten im Golf, in Asien und Afrika.
Diese Kombination kann besonders dort wirken, wo Deutschland schnell große Investitionen benötigt: bei Rechenzentren, Stromnetzen, Speichertechnologien, Offshore-Wind, Industrieanlagen, Logistik und der Dekarbonisierung energieintensiver Produktion. Für Immobilien und Standorte bedeutet das neue Chancen, aber keine automatische Wertgarantie. Gefragt sein dürften vor allem leistungsfähige Industrie- und Logistikflächen, energiegesicherte Grundstücke, Rechenzentrumsstandorte sowie Büros und Wohnungen in den Regionen, in denen aus den Ankündigungen tatsächlich Projekte und neue Arbeitsplätze entstehen.
Ein glaubwürdiger Blick verschweigt die Kritik nicht. Deutsche Fluggesellschaften und Verdi warnten, zusätzliche Emirates-Rechte könnten Verkehr und Arbeitsplätze zu einem Golf-Drehkreuz verlagern. Befürworter in Berlin und Brandenburg sehen dagegen einen lange überfälligen Standortvorteil und bessere weltweite Verbindungen. Auch die Rolle der VAE im Sudan war Gegenstand von Protesten und politischen Fragen; laut Bundesregierung wurde der Sudan neben Iran, Gaza, Israel und der Ukraine in den Gesprächen behandelt.
Die gemeinsame Erklärung reicht entsprechend weit über Wirtschaft hinaus: Deutschland und die VAE betonten Diplomatie und Dialog, verurteilten Angriffe auf zivile Infrastruktur und die Behinderung der Schifffahrt in der Straße von Hormus, bekräftigten eine verhandelte Zweistaatenlösung und würdigten die Vermittlungsrolle der Emirate beim Austausch von Kriegsgefangenen zwischen der Ukraine und Russland.
Am Ende bleiben Bilder, die viele Menschen gesehen haben: Militärjets am Himmel, der Konvoi durch Berlin, der rote Teppich, das Goldene Buch und die Flaggen beider Länder. Entscheidend sind jedoch die Zahlen und Strukturen dahinter: 40 Milliarden Euro an angekündigten zusätzlichen Investitionen, 30 Unternehmensvereinbarungen über rund 9,66 Milliarden Euro, ein Investitionsrat, ein strategischer Dialog und die neue Luftbrücke BER–Dubai.
Jetzt beginnt der Teil, an dem sich der Erfolg messen lässt: Welche Investitionen werden wann gebunden? Wo entstehen Rechenzentren, Energieanlagen und Arbeitsplätze? Wann startet der tägliche Emirates-Flug? Der Staatsbesuch hat die Türen geöffnet. Deutschland und die VAE müssen nun gemeinsam hindurchgehen – mit Tempo, Verlässlichkeit und dem Mut, aus großen Ankündigungen noch größere Realität zu machen.