Es riecht nach frischem Kaffee in der Lobby, irgendwo klackt ein Laptop zu, und draußen schieben sich Kräne wie Metronome gegen den Himmel: Während viele Weltregionen mit Zinsdruck und Unsicherheit ringen, soll sich das Wachstum in den GCC-Staaten spürbar beschleunigen – getragen von einer Non-Oil-Expansion, die vor allem in den Vereinigten Arabischen Emiraten sichtbar wird. Der Internationale Währungsfonds erwartet für die Golfregion mehr Tempo, weil Dienstleistung, Handel, Tourismus, Logistik und Finanzsektor neue Volumina anziehen und Reformen den Privatsektor stärken. Gleichzeitig wird die Abhängigkeit vom Öl graduell kleiner, auch wenn Energiepreise und Fördermengen weiterhin den Takt mitbestimmen. Die Botschaft, die aus den Zahlen spricht, ist klar: Der Golf will nicht nur Rohstofflieferant sein, sondern Plattform – für Unternehmen, Talente, Kapital und neue Lebensmodelle.
Es ist einer dieser Morgen, an denen Dubai sich anfühlt wie ein Flughafen ohne Startbahn. Menschen aus allen Zeitzonen ziehen durch die Stadt, Telefonate in Englisch, Arabisch, Hindi – dazwischen ein kurzes „See you in five“ und das leise Surren der Aufzugtüren. Vor dem Café hält ein Taxi, der Fahrer tippt eine Adresse ein, schaut hoch und fragt: „Business Bay?“ Der Gast nickt. In der Luft liegt dieses spezielle Versprechen der Emirate: Hier passiert etwas. Schnell.
Genau dieses Gefühl fassen die aktuellen Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung am Golf in Zahlen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass sich das Wachstum in den Staaten des Gulf Cooperation Council (GCC) beschleunigen wird – und dass die Vereinigten Arabischen Emirate dabei als Zugmaschine der Non-Oil-Expansion auftreten. Nicht als abstraktes Schlagwort, sondern als sichtbare Realität: Hotels mit hoher Auslastung, Logistikzentren im Dauerbetrieb, neue Lizenzen, neue Firmen, neue Jobs. Der Golf, so die Lesart, dreht die Perspektive: weg von „Öl dominiert alles“ hin zu „Öl ist ein Teil – aber nicht mehr die ganze Geschichte“.
Wachstum klingt oft wie ein Diagramm. Doch am Golf fühlt es sich an wie Bewegung. In den Emiraten bedeutet das: Container, die am Hafen im Rhythmus der Kräne wechseln. Terminals, in denen Bildschirme wie Cockpits leuchten. Einkaufsstraßen, die auch an Wochentagen voll sind. Und ein Dienstleistungssektor, der längst nicht mehr nur „begleitend“ ist, sondern zur Hauptbühne wird.
In den IWF-Einschätzungen steht dieser Trend im Zentrum: Die Non-Oil-Wirtschaft gewinnt an Breite und Tiefe. Triebkräfte sind unter anderem Tourismus, Handel, Transport, Finanzdienstleistungen, Immobilien- und Unternehmensdienstleister sowie die wachsende Rolle der VAE als regionales Headquarter-Zentrum. Die Golfstaaten haben in den vergangenen Jahren ihre Rahmenbedingungen modernisiert – Visaregeln, Unternehmensgründungen, Freizonen, digitale Behördenprozesse, Infrastrukturprogramme. Was nach Verwaltung klingt, zeigt sich im Alltag als niedrigere Reibung: Dinge gehen schneller. Entscheidungen fallen zügiger. Märkte öffnen sich.
Und doch ist es ein Balanceakt. Öl und Gas sind weiterhin entscheidend: Sie liefern Einnahmen, sie prägen Fiskalspielräume, sie beeinflussen Erwartungen. Wenn Fördermengen steigen oder sinken, wenn Preise schwanken, spürt das der gesamte Raum. Aber der Punkt ist: Diese Schwankungen bestimmen nicht mehr allein, ob die Region vorankommt. Der Nicht-Öl-Motor läuft – und in den Emiraten klingt er besonders rund.
„Hier kann ich heute gründen und morgen verkaufen“, sagt ein Unternehmer in einem Co-Working-Space, während er auf sein Pitch-Deck zeigt. Nebenan diskutiert ein Team über Lieferketten, drei Tische weiter wird eine App in der Beta getestet. Es ist diese Mischung aus Kapital, Internationalität und Infrastruktur, die die VAE für den IWF zur Speerspitze der Non-Oil-Dynamik macht.
Mehrere Faktoren spielen zusammen:
Wenn man auf einem Balkon in Downtown steht und die Skyline wie eine technische Zeichnung vor sich hat, versteht man schnell: Hier wird Wachstum geplant – und dann gebaut. Und gebaut heißt am Golf immer auch: Menschen ziehen her, Wohnungen werden gebraucht, Büros, Schulen, Kliniken, Straßen. Die Non-Oil-Expansion ist nicht nur ein BIP-Begriff. Sie ist urban.
Im IWF-Blick auf die Region geht es nicht nur um Tempo, sondern auch um Robustheit. Die Weltwirtschaft ist voller Gegenwinde: geopolitische Risiken, volatile Lieferketten, Zinslandschaften, die nicht mehr so billig sind wie früher. Umso wichtiger ist, dass Wachstumsmodelle tragfähig werden – mit stabilen Einnahmequellen, produktiveren Sektoren, mehr lokaler Wertschöpfung.
Die GCC-Staaten setzen dabei auf Diversifizierung, Infrastruktur, Humankapital und technologiegetriebene Branchen. Es ist ein Ansatz, der nicht über Nacht wirkt, aber Jahr für Jahr sichtbarer wird. Gleichzeitig bleibt die Rolle der Ölpolitik präsent: Förderquoten, globale Nachfrage und Preisentwicklung beeinflussen Budgets und Investitionsprogramme. Der Unterschied zu früher liegt in der Richtung: Die Region nutzt Energieeinnahmen zunehmend als Sprungbrett – nicht als Endstation.
In einem Hotel-Foyer hört man zwei Geschäftsleute reden. „We’re not here for one deal,“ sagt der eine. „We’re here to build a base.“ Der andere nickt und schaut auf die Uhr. Diese Sätze sind vielleicht die beste Übersetzung dessen, was Wachstumsbeschleunigung in der Praxis heißt: Es geht um Standortentscheidungen. Um langfristige Präsenz. Um das Gefühl, dass sich ein Markt nicht nur schnell bewegt, sondern in die richtige Richtung.
Wirtschaftsprognosen leben von Modellen, aber sie lesen sich am besten als Geschichte von Anreizen. Wenn der IWF von beschleunigtem Wachstum im GCC spricht, dann steckt darin eine Annahme: dass Reformen weiter greifen, dass die Non-Oil-Aktivität nicht nur zyklisch hochläuft, sondern strukturell stärker wird. Für die Emirate heißt das: Mehr Unternehmen, die die Region als Testmarkt nutzen. Mehr internationale Fachkräfte, die bleiben. Mehr Kapital, das nicht nur in kurzfristige Trades fließt, sondern in reale Projekte – Technologie, Logistik, Industriecluster, Immobilien, Bildung, Gesundheit.
Natürlich ist nicht alles glatt. Schnelles Wachstum erzeugt Druck: auf Infrastruktur, auf Verkehr, auf Mietmärkte, auf den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Und es gibt die Frage nach Produktivität: Wie gelingt es, dass aus Expansion nicht nur Volumen, sondern Wertschöpfung entsteht? Doch gerade diese Spannung ist typisch für aufstrebende Wirtschaftsräume. Der entscheidende Punkt: Der Golf wirkt vorbereitet, diese Reibung zu managen – mit Investitionen, Planung und einem politischen Willen, international konkurrenzfähig zu bleiben.
Am späten Nachmittag, wenn die Sonne tiefer steht und die Stadt in goldenes Licht taucht, wirkt Dubai weniger wie ein Ort, der „wird“, sondern wie ein Ort, der schon „ist“. Die Restaurants füllen sich. In den Lobbys werden Deals besprochen, und in den Aufzügen wird zwischen zwei Stockwerken schnell noch ein Termin bestätigt. Der Non-Oil-Boom ist kein Slogan an einer Wand. Er ist ein Geräuschpegel: Gespräche, Schritte, Baustellen, Lieferwagen, Konferenzansagen.
Dass der IWF die GCC-Region auf Beschleunigungskurs sieht, passt zu dieser Kulisse. Es ist die Logik einer Region, die gelernt hat, ihre Energieeinnahmen als Kapitalstock zu nutzen, um ein neues wirtschaftliches Fundament zu gießen – vielfältiger, internationaler, dienstleistungsgetriebener. Und die VAE stehen dabei vorn, weil sie Diversifizierung nicht nur predigen, sondern als Alltag organisieren: mit Regeln, die Investoren anziehen, mit Infrastruktur, die Skalierung ermöglicht, und mit einer urbanen Erzählung, die Talente bindet.
Für Immobilien- und Kapitalanleger ist die erwartete Wachstumsbeschleunigung im GCC – und insbesondere die Non-Oil-Führungsrolle der VAE – mehr als Makro-Optimismus: Sie wirkt direkt auf Nachfrage, Nutzungsprofile und Risiko-Rendite-Kalkulationen. Wenn Dienstleistungssektoren wachsen, wächst die Stadt nicht nur in Quadratmetern, sondern in Funktionen: mehr Büros für Headquarter-Teams, mehr flexible Flächen für Start-ups, mehr Wohnungen für qualifizierte Zuzüge, mehr Hospitality-Kapazitäten, mehr Logistik-Assets entlang der Handelsrouten.
Strategisch spricht das Umfeld für eine selektive, datengetriebene Positionierung: Core- und Core+ in etablierten, nachfragegetriebenen Submärkten; Value-Add dort, wo Infrastrukturprojekte, neue Geschäftscluster und Mobilitätsachsen echte Standortvorteile schaffen. Kurz: Wenn der Non-Oil-Motor der VAE weiter hochdreht, wird Immobiliennachfrage weniger spekulativ und stärker nutzungsgetrieben – ein Umfeld, in dem Qualität, Lage und Cashflow-Resilienz den Unterschied machen.